Snorry und der Müller Weber
Am Rothaarsteig im Siegerland-Wittgenstein soll es in den Höhenlagen Plätze geben, an denen es 200 Tage im Jahr neblig ist. Doch Sonne und Regen wechseln sich hier wie allerorts ab. So ein Tag, an dem der warme Sommerregen auf die Haut nieselt, eignet sich hervorragend für einen Reitausflug in und durch die Wälder.
Wer kein eigenes Pferd mitbringt kann sich nach einem kurzen aber strengen Kontrollritt eines der "Isländer" ausleihen. Erfahrene Wanderreiter begleiten einen gern durch Wald und Dörfer. Ist man dem Reiten nicht mächtig, radelt man oder läßt sich in der Kutsche schoffieren. Die Erkundung der Landschaft, das Kennenlernen der Einheimischen und die damit verbundenen Erlebnisse sind so oder so garantiert.
Snorry hat noch keine Erfahrung mit fremden Reitern. Auch mag er weder viele Menschen noch blitzende Fotoapparate. Ein paar beruhigende Worte in´s Ohr geflüstert, den Waldweg versprochen und ab und zu eine Rast überzeugen Snorry vom geplanten Ritt.
Los geht´s. Die frische feuchte Luft saugt sich in die Lungen. Über Wiesen und Waldwege zu traben entspannt. Die Dörfer ähneln sich. Überall Fachwerkbauten, teils sehr alt. An deren Fassaden stehen mit weißer Schrift auf dunklem Holz jeweils der Eigentümer, das Baujahr und die letzte Modernisierung. Die Menschen sind eher still, schauen einen schweigend an, entpuppen sich dann aber als sehr nett und gastfreundlich. Jederzeit zu einem Tipp bereit, eine Geschichte erzählend und die eigene Produktion zeigend. Im Siegerland-Wittgenstein scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Auf eine wunderbare Weise. Kleine Rinderfamilien stehen auf jeder fünften Wiese. Kleine Traktoren warten in der Scheune auf den Einsatz. Ein Bauer verkauft frische Milch, der andere Ochsenfleich, der Nachbar Kartoffeln, jener Marmelade und dieser Holzkohle.
So gibt es auch drei Währungen: Mark, Euro und "Ochse, Kartoffel oder Mehl".
In Nenkersdorf dreht sich unermüdlich das Wasserrad der noch intakten Wassermühle. Hier wird tatsächlich noch Mehl gemahlen. 4 Mark der Zentner. Ab 4 Zentner wird der Müller tätig. Die Nenkersdorfer Mühle wurde im 13. Jahrhundert das erste Mal urkundlich erwähnt. Heute steht sie unter Denkmalschutz. Im Erdgeschoß reihen sich uralte Stühle um zwei zum Tisch erklärte Mühlensteine. Neben der Auffangvorrichtung für den Schrotsack ein Spruch: "Solange Mühlen stehen, so lange Menschen sind. Werfen Mühlenräder gehen, durch Wasser, Dampf und Wind."
Die Brüder Friedhelm und Manfred Weber haben die Mühle erst vor Kurzem wieder hergerichtet. Im "Mühlenstübchen" steht der Dank des Landes auf einer Urkunde. Vorbei an Mühlenkran, Getreidesäcken, Mühlensteinen und Walzenstuhl findet man Manfred Weber. Er sitzt bewegungs- und lautlos da, als wäre er ein Stück Einrichtung. Er schaut einen an und sagt kein Wort. Ein alter erfahrener Mann. Er wartet wohl auf eine Wandergruppe. Auf den Tischen im Mühlenstübchen stehen Kaffeekannen, Brot- und Kuchentabletts. Es sieht aus, als ob er darüber nachdenkt, weshalb die Menschen in seiner alten Mühle eine Rast machen wollen. Auf alten Stühlen, eng beieinandersitzend und durch die kleinen alten Fenster hinausschauend. Urgemütlich ist es hier.
Das Brot auf dem Tisch wird vom Bäcker aus seinem Mehl gebacken. Ebenso der Kuchen. Das Getreide für das Mehl kommt vom Bauern nebenan. Das Fleisch für die Wurst vom anderen Nachbarn. Die deftigeschmackhafte Wurst hat die Frau selbst gemacht. Für den Müller Weber alles selbstverständlich. Deshalb wohl kommen die Touristen hier vorbei. Auf die Frage, weshalb er nicht Müller heißt, reagiert Manfred Weber typisch wittgensteinerisch und beweist anhand von Fotos und Urkunden, dass die Mühle seit ewig Familienbesitz ist.
Dann lockt wieder der Wald, vorbei an kleinen Quellbächen, hinauf auf die Kammwege ohne größere Auf- und Abstiege, unter die riesigen Bäume.
Herrlich anzuschauen, wenn der Wald dampft. Ein Naturschauspiel der besonderen Art. Gut das es geregnet hat. Die Sonne hat sich noch nicht durchgesetzt, zieht aber schon wieder das Wasser. Man möchte stehenbleiben und sich satt sehen, aber das muß man nicht, hinter dem nächsten Hügel bietet sich ein noch schönerer Ausblick. So scheint es endlos weiterzugehen. Der Naturpark Rothaarsteiggebirge ist Bestandteil des wohl größten zusammenhängenden Waldgebietes Deutschlands. Er ist geheimnisvoll, wildreich und wunderbar einsam. Kein Wunder also, dass der Rothaarsteig seit Eröffnung im letzten Jahr mehr als 6.500 zusätzliche Übernachtungen allein in die Region Siegerland-Wittgenstein gebracht hat. Dabei steckt der Tourismus hier noch fast in den Kinderschuhen. Überall wird mit viel Kreativitä
t Neues angeboten, wird vorhandenes Brauchtum aufgearbeitet, wird die Einzigartigkeit herausgestellt, auch wenn man hier und da schon mal durch die Küche in den "Gastraum" gelangt.
Aber auch Spitzengastronomie wird geboten. Im Landhaus Doerr beispielsweise legt man im Gegensatz zu der vielorts vorzufindenen Ursprünnglichkeit Wert auf Niveau und Service. In angenehmen Ambiente wird man fachlich kompetent bewirtet, kein Fehler schleicht sich ein, man wird umsorgt und die Speisen sind exzellent zubereitet. Im frei zugänglichen Restaurant trifft man weniger die Wandersleut, eher die Geschäftswelt der Umgebung und die Wellnessgäste des Hotels.
Nach so einem Tagesritt tut die Blütensauna gut. Im Blütenbaddampfbad herrscht eine Temperatur von 42 bis 45 Grad Celsius, erzeugt durch milde Strahlungswärme. Der Dampf ist mit Duftstoffen angereichert die je nach Wahl unterschiedlich auf den Körper wirken. Das Blütenbad, eine besondere Form des Dampfbades, bedeutet Entspannung in einer phantasievollen Umgebung. Atemwege werden frei, Haare und Haut intensiv gepflegt, der Körper besser durchblutet und entschlackt. Giftstoffe werden dank der erhöhten Schweißproduktion vermehrt ausgeschieden, was die im Körper stattfindenden Heilprozesse begünstigt. Nach einem kalten Tauchbad ruht es sich, mit herrlichen Ausblick über Feudingen und die Waldgipfel, auf den Ruheliegen des Wellnessbereiches, völlig relaxt.
Der Köhler und die goldenen Hände vom Landhaus Doerr
Vor dem Frühstück ein paar Bahnen im hoteleigenen Pool des Wellnessbereiches geschwommen erfrischt, macht munter und erlebnislustig.
3.500 Kilometer Wander- oder Reitwege laden ein Natur pur, frische Luft, Tradition, Brauchtum und Kultur zu erleben. Überall gibt es die kleinen Dorfkirchen, Höfe, Gasthäuser, Pensionen und Privatquartiere. Wer auf das "R" am Eingang achtet, weiß, daß ein gewisser Service garantiert ist. Dazu zählen unter anderem: Transfer des Gepäckes zum nächsten Wanderort, ausführliches Informationsmaterial über die vielfältigen Wanderangebote, auf Wunsch kompetente Wanderführung, Verleih und Verkauf von Wander- und Heimatliteratur, Säuberungs- und Trocknungsmöglichkeiten für Schuhe und Kleidung, regionale Küche mit heimischen Produkten und individuelle Lunchpakete. Ab 15,50 Euro kann man übernachten, inklusive Frühstück natürlich. Im Wellnesshotel kostet die Übernachtung ab 65 Euro. Die Mehrzahl der Angebote pegelt sich auf mittlerem Niveau ein.
Direkt am Rothaarsteig befindet sich das kleine Dorf Großenbach. Hier freut man sich über den sich entwickelnden Tourismus. Da werden die alten Bauernhäuser zu Ferienwohnungen ausgebaut. Heubaden könnte man ja auch anbieten. Wird aber nicht genehmigt, wegen dem Brandschutz. Der Bauer führt durch seinen Hof, erklärt den Kreislauf seiner Arbeit und weiß eigentlich nicht so richtig, was das mit dem Öko soll. War doch schon immer so. Wenn´s jetzt dafür Geld gibt, bitte, immer willkommen.
Die Isländer Pferde stehen hier auf der Koppel. Daneben eine Ochsenweide. Die Tiere freuen sich über den Besuch des Bauern Hackler. Die Tiere brauchen zwei Jahre, bis sie ausgewachsen sind. Im Mastbetrieb erreicht so ein Ochse schon nach einem Jahr sein Schlachtgewicht. Nein, Namen gibt er seinen Tieren nicht und schlachten kann er auch nicht selbst. Das bringt er nicht über sein Herz, was ihn noch sympathischer macht. Anneliese Hackler bereitet indes einen wohlschmeckenden Ochsenbraten zu. Dazu gibt´s Kartoffeln und Krautsalat mit Speck.
Ein Nachbar schaut neugierig rein. Auch er bekommt ein Glas des selbstgebrannten Likörs. Und Frau Hackler erzählt aus ihrem Leben, frisch, mit ihrem runden gesunden Gesicht lachend. Von Arbeit keine Spur. Nur Frohsinn, Reisen in ferne Länder, Männer und was sie noch alles vorhat mit den, ihren Rothaarsteig-Touristen.
Weiter geht es, an der Siegquelle vorbei, auf einem Zugangsweg. Dieser ist mit einem schwarzem "R" auf gelben Grund gekennzeichnet. Man kommt nach Walperdorf.
In Netphen-Walpersdorf wird seit 2.500 Jahren die Köhlerei gepflegt. 1344 wurde Walpersdorf erstmals urkundlich als Meilerdorf erwähnt. Von Frühjahr bis Herbst "brennt" fast immer ein Meiler. Sieben bis acht Meter mißt er im Durchschnitt am Boden. Die genaue Größe richtet sich nach der Schuhgröße des Köhlers, denn es wird in Füßen abgemessen. In der Mitte ist er zwei Meter hoch. Zweilagig rundherum aufgebaut kommt er auf 55 Kubikmeter Holz. Dann hackt der Köhler Rasen und bedeckt den Meiler damit, wobei das Grüne nach innen, die Wurzeln nach außen gelegt werden. Drei Tage lang dann wird Glut in den mittigen Schacht gefüllt, Deckel drauf und abgewartet, dass es beginnt wie Essig zu riechen. Ist es soweit werden gezielt Zuglöcher geschaffen. Die Verkohlung beginnt. Etwa 13 Tage dauert es, bis das Holz durchgekohlt ist. Von oben nach unten arbeitet sich die Hitze von 270 bis 330 Grad Celsius vor. Alle paar Stunden, bei Tag und Nacht besucht der Köhler s
einen Meiler, schaut nach, wechselt die Zuglöcher. Bruno Wagner sagt: "Wer einen guten Schlaf hat ist ein schlechter Köhler." Seine Holzkohle soll für ganz besonders schmackhaftes Grillgut sorgen, weil es aus heimischen Eiche- und Buchenholz gefertigt wird, das Gras und die Luft spezielle Würze abgeben und weil es eben langsam koksen darf. Man kann es nicht probieren. Die Holzkohle wird an Fremde nicht verkauft.
Etwas anstrengend war das wandern schon. Der Körper sehnt sich nach Entspannung. Eine Massage wäre jetzt das Richtige. Jürgen Busch, der Masseur im Landhaus Doerr, weiß um die Wünsche seiner Kunden. Er massiert den ganzen Körper. Selbständig ist er, schon seit 10 Jahren. Die Erfahrung spürt man. Seine Hände wissen zuzugreifen, aber auch sanft über die Haut zu gleiten. Und nett ist er, versteht an den Reaktionen was einem gut tut. Ewig könnte man hier liegen bleiben. Jürgen Busch freut sich, wenn er die totale Entspannung des Körpers erreicht hat. Fragt sich, wer sich hier wohler fühlt.
Ein Besuch im Aromaraum und ein kurzes Bad im warmen Whirlpool runden den Tag ab. Im Bademantel zum Zimmer, auf dem Balkon noch ein Glas Sekt, einen abendlichen Blick zu den Wäldern rundum und dann einfach und von frischer Luft umgeben eingeschlafen.
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